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Barrierefreiheit Website testen: Die BFSG-Checkliste

·5 Min. Lesezeit

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) ist seit dem 28. Juni 2025 in Kraft. Online-Shops und viele digitale Dienstleistungen müssen nun barrierefrei sein. Mit dieser Checkliste testest du selbst, ob deine Website die wichtigsten Anforderungen erfüllt – ganz ohne Tool-Installation, nur mit Browser und ein paar Minuten Zeit.

Wer ist vom BFSG betroffen?

Definitiv betroffen:

  • Online-Shops (E-Commerce)
  • Banking und Finanzdienstleistungen
  • E-Books und E-Reader
  • Ticketbuchungssysteme

Nicht betroffen (Ausnahme):

  • Kleinstunternehmen nach § 3 Abs. 3 BFSG: unter 10 Beschäftigte UND höchstens 2 Mio. Euro Jahresumsatz oder Bilanzsumme
  • Die Ausnahme greift gerade für Dienstleistungen, also auch für den eigenen Online-Shop
  • Aber: Wer erfasste Produkte in Verkehr bringt (Hardware, Terminals, E-Reader), ist trotz Kleinststatus in der Pflicht

Unklar/Grauzone:

  • Unternehmenswebsites ohne Transaktionen
  • Dienstleister-Websites mit Kontaktformular
  • Ob das BFSG eine Marktverhaltensregel nach § 3a UWG ist, also ob Wettbewerber abmahnen dürfen. Erste Urteile werden 2026 erwartet.

Empfehlung: Auch wenn du nicht sicher betroffen bist – Barrierefreiheit verbessert SEO und Usability für alle.


Die BFSG Checkliste

1. Wahrnehmbarkeit

Inhalte müssen für alle wahrnehmbar sein – auch für Menschen mit Sehbehinderung.

Texte und Kontraste

  • [ ] Farbkontrast mindestens 4,5:1 für normalen Text
  • [ ] Farbkontrast mindestens 3:1 für großen Text (ab 18pt oder 14pt fett)
  • [ ] Farbkontrast mindestens 3:1 für UI-Elemente und Grafiken
  • [ ] Informationen nicht nur durch Farbe vermittelt (z.B. Rot für Fehler + Icon/Text)

Testen mit:WebAIM Contrast Checker

Bilder und Medien

  • [ ] Alt-Texte für alle informativen Bilder
  • [ ] Alt-Text leer (alt="") für dekorative Bilder
  • [ ] Videos mit Untertiteln (wenn Sprache enthalten)
  • [ ] Audiodeskription für wichtige visuelle Inhalte in Videos
  • [ ] Transkripte für Podcasts und Audio-Inhalte

Struktur

  • [ ] Dokumentsprache definiert (<html lang="de">)
  • [ ] Seitentitel aussagekräftig (<title>)
  • [ ] Eine H1 pro Seite mit dem Hauptthema
  • [ ] Überschriften-Hierarchie logisch (H1 → H2 → H3, keine Sprünge)
  • [ ] Listen als Listen markiert (<ul>, <ol>)
  • [ ] Tabellen mit Kopfzeilen (<th>) und Scope-Attribut

2. Bedienbarkeit

Die Website muss mit verschiedenen Eingabemethoden nutzbar sein.

Tastaturnavigation

  • [ ] Alle Funktionen per Tastatur erreichbar
  • [ ] Fokus-Reihenfolge logisch (Tab-Reihenfolge folgt visuellem Layout)
  • [ ] Fokus-Indikator sichtbar (Outline bei fokussierten Elementen)
  • [ ] Keine Tastaturfallen (man kommt mit Tab auch wieder raus)
  • [ ] Skip-Link vorhanden ("Zum Inhalt springen")

Testen: Tab durch die ganze Seite drücken. Kommst du überall hin?

Links und Buttons

  • [ ] Linktexte aussagekräftig (nicht "hier klicken", sondern "Zum Kontaktformular")
  • [ ] Links von umliegendem Text unterscheidbar (nicht nur Farbe)
  • [ ] Buttons als Buttons erkennbar
  • [ ] Touch-Ziele mindestens 44x44 Pixel

Zeit und Bewegung

  • [ ] Keine automatischen Zeitlimits (oder verlängerbar)
  • [ ] Bewegte Inhalte pausierbar (Slider, Animationen)
  • [ ] Keine Inhalte, die mehr als 3x pro Sekunde blinken

3. Verständlichkeit

Inhalte müssen klar und vorhersehbar sein.

Sprache und Text

  • [ ] Einfache, klare Sprache
  • [ ] Fachbegriffe erklärt (oder Glossar)
  • [ ] Abkürzungen beim ersten Auftreten ausgeschrieben
  • [ ] Lesbare Schriftgröße (mindestens 16px für Fließtext)

Navigation

  • [ ] Konsistente Navigation auf allen Seiten
  • [ ] Mehrere Wege zum Ziel (Navigation, Suche, Sitemap)
  • [ ] Aktuelle Position erkennbar (Breadcrumbs, markierter Menüpunkt)

Formulare

  • [ ] Alle Felder haben Labels
  • [ ] Labels sind sichtbar (nicht nur Placeholder)
  • [ ] Pflichtfelder markiert
  • [ ] Fehlermeldungen konkret (was ist falsch, wie korrigieren)
  • [ ] Fehlerfelder visuell hervorgehoben
  • [ ] Bestätigungsseite bei Formularen

4. Robustheit

Die Website muss mit verschiedenen Technologien funktionieren.

Code-Qualität

  • [ ] Valides HTML (keine Syntaxfehler)
  • [ ] Eindeutige IDs (jede ID nur einmal)
  • [ ] ARIA-Labels korrekt (wenn verwendet)
  • [ ] Semantisches HTML (nav, main, article, aside, footer)

Screenreader-Kompatibilität

  • [ ] Seite mit Screenreader testbar
  • [ ] Dynamische Inhalte werden angekündigt (ARIA-Live-Regions)
  • [ ] Formulare funktionieren mit Screenreader

Testen mit: NVDA (Windows, kostenlos), VoiceOver (Mac, eingebaut)


Schnelltest: Die wichtigsten Punkte

Keine Zeit für die komplette Checkliste? Diese 10 Punkte sind am wichtigsten:

#PrüfpunktWie testen
1Kontraste ausreichendContrast Checker
2Alle Bilder haben Alt-TexteBrowser Dev Tools
3Überschriften-Hierarchie stimmtWAVE Tool
4Komplett per Tastatur bedienbarTab-Test
5Fokus ist sichtbarTab-Test
6Formulare haben LabelsVisuell + Code prüfen
7Fehlermeldungen sind hilfreichFormular absichtlich falsch ausfüllen
8Links sind verständlichDurchlesen
9Dokumentsprache gesetztQuellcode prüfen
10Seite funktioniert mit ScreenreaderNVDA/VoiceOver testen

Kostenlose Test-Tools

ToolWas es prüftLink
WAVEUmfassende Accessibility-Analysewave.webaim.org
axe DevToolsBrowser-Extension, detaillierte Analysedeque.com/axe
LighthousePerformance + Accessibility (in Chrome eingebaut)F12 → Lighthouse
Contrast CheckerFarbkontraste prüfenwebaim.org
HeadingsMapÜberschriften-Struktur visualisierenBrowser-Extension

Wichtig: Automatische Tools finden nur ca. 30% der Probleme. Manuelle Tests sind unverzichtbar!


Was tun bei Verstößen?

Wer kontrolliert das eigentlich? (Stand Juli 2026)

Zuständig ist die MLBF, die gemeinsame Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen mit Sitz in Magdeburg. Der Staatsvertrag trat am 26. September 2025 in Kraft, die Stelle hat rund 70 Mitarbeitende und ist seit Anfang 2026 in der aktiven Kontrollphase. Seit Juni 2026 können Verbraucher über die MLBF-Website Barrieren direkt melden.

Ablauf eines Verfahrens: Die MLBF wird durch Beschwerden, Verbände oder von Amts wegen tätig, prüft und setzt bei Verstößen eine Frist zur Nachbesserung. Erst danach drohen Untersagung und Bußgeld.

Offizielle Fallzahlen zu Verfahren oder Bußgeldern hat die MLBF bis heute nicht veröffentlicht.

Mögliche Folgen

  • Bußgelder nach § 37 BFSG: bis 10.000 € bei Verstößen gegen Melde- und Auskunftspflichten, bis 100.000 €, wenn eine Dienstleistung nicht barrierefrei angeboten wird
  • Abmahnungen durch Wettbewerber. Seit Ende 2025 sind solche Schreiben im Umlauf; viele sind angreifbar, weil ein Wettbewerbsverhältnis nach § 8 UWG fehlt oder die Verstöße nur pauschal behauptet werden. Nicht ignorieren, aber auch nicht vorschnell zahlen.
  • Reputationsschaden in der Öffentlichkeit

Prioritäten setzen

Nicht alles ist gleich kritisch. Fokus auf:

  1. Kritisch: Tastaturzugänglichkeit, Alt-Texte, Formulare
  2. Wichtig: Kontraste, Überschriften, Linktexte
  3. Sollte: Videos, Dokumente, erweiterte ARIA

Barrierefreiheitserklärung

Das BFSG verlangt eine Barrierefreiheitserklärung auf deiner Website. Sie muss enthalten:

  • Erklärung zur Barrierefreiheit
  • Bekannte Einschränkungen
  • Feedback-Mechanismus
  • Kontaktmöglichkeit
  • Datum der letzten Prüfung

Tipp: Die Erklärung sollte ehrlich sein. Besser "teilweise konform mit bekannten Einschränkungen" als falsche Behauptungen.


Nächste Schritte

Selbst umsetzen

  1. Diese Checkliste durchgehen
  2. Probleme priorisieren
  3. Nach und nach beheben
  4. Regelmäßig testen (auch nach Updates!)

Professionelle Hilfe

Wir bieten:

  • BFSG-Audit – Vollständige Prüfung mit Maßnahmenplan
  • Umsetzung – Wir beheben die Probleme
  • Monitoring – Laufende Überwachung im Wartungsvertrag

Fazit

Barrierefreiheit ist kein Hexenwerk, aber auch keine Kleinigkeit. Diese Checkliste hilft dir beim Einstieg – für eine vollständige WCAG 2.1 AA Konformität ist jedoch oft professionelle Unterstützung sinnvoll.

Der Aufwand lohnt sich: Barrierefreie Websites sind nicht nur rechtssicher, sondern auch benutzerfreundlicher, SEO-optimierter und zukunftssicher.


Du möchtest wissen, wie barrierefrei deine Website wirklich ist? Ein BFSG-Audit deckt auf, was diese Checkliste nicht zeigen kann. Für Sicherheit, Datenschutz, Aktualität und Geschwindigkeit deiner Website nutz stattdessen unseren kostenlosen Webseite-Check – Barrierefreiheit ist darin aktuell noch nicht enthalten.